Blues Pills (Hamburg, 2014)

Mehr als ein lauer Retro-Aufguss

Ausverkaufte Hütte im Übel & Gefährlich am 15. Oktober 2014. Wahrscheinlich hätte das Konzert der Blues Pills (ursprünglich angedacht war das urige Headcrash) ein zweites Mal verlegt werden können, bspw. na sagen wir mindestens in eine zweigeteilte Alsterdorfer Sporthalle.

 

Zum Glück ist das nicht geschehen. So hatte man nämlich das Vergnügen, dem angehenden Next-Big-Thing, wie die Band allerorts in der Boulevard-Journalie aber auch in der kundigen Szene gepriesen wird, noch ganz nah zu sein und sie auf einer nicht “extraterrestrischen Ebene“ wahrzunehmen.

 

Ganz klar. Der Hype war leicht überzogen, der Auftritt aber nicht weniger famos. Vergleiche mit Grand Funk und Fleetwood Mac (den ganz frühen) lasse ich gelten; ich packe noch Led Zeppelin und Heart (die ganz ganz frühen) dazu. Vergleiche von Sängerin Elin Larsson mit Janis Joplin sehe ich der mangelnden journalistischen Ausbeute in der weiblichen Sängerinnen-Gilde im Blues- und Rockmilieu geschuldet, völlig daneben sind sie aber auch nicht. Geschrei wird dennoch ersetzt durch kraftvolle Vocalarbeit, bei der die Worte noch verständlich bleiben und dadurch umso mehr Eindruck hinterlassen. Der Sound der Band ist klar den Siebzigern entliehen, bspw. von oben genannten Vertretern des Blues, Rock, Funk und Souls - aber mit eigener frischer Note versehen, die gut in die heutige Zeit passt. Jung-Gitarrist Dorrian Sorriaux ist spielerisch gut dabei, wagt dies und das, aber nicht zuviel. Da kommt zukünftig sicher noch mehr. Große Soli sind eh überbewertet. Der Gesamteindruck bei den Blues Pills als eingespielte Band überwiegt - gut so!

 

Mit der heutigen Technik klingen die abwechslungsreichen Passagen der groovigen Songs sehr dynamisch und druckvoll, stilvoll belassen aber noch dreckig genug; daher zeitlos aber durch Halleffekte und andere Verstärkungen eben auch zeitgemäß. Den Sound im Übel & Gefährlich muss ich an dieser Stelle auch loben, da kennt man andernorts auch anderes.

 

Beeindruckend ist die Vielfalt guter Kompositionen eigener Songs, die auch beim Debüt-Album schon deutlich wird. Kein Material mit nur einem guten Gassenhauer, der andere austauschbare Tracks nach sich zieht, um die CD voll zu kriegen und sich so zu einer gewohnten Produktionslinie anderer junger Rockbands zu gesellen; eher ein guter Appetizer auf das was da ggf. noch kommen mag.

 

Die junge aussichtsreiche Band, wenn sie denn so bestehen bleibt, und kein größerer Kinderwunsch der Protagonistin oder andere Brüche dazwischen kommen, hat sicher Potenzial für ein zwei Dekaden. Vielleicht auch mehr. Austauschbar ist sie nur bedingt und herrlich erfrischend für die heutige retro-verseuchte Zeit. Über den Namen lässt sich streiten, über die Qualität kaum. Bitte mehr! Auch gerne weiter in kleineren Clubs... und mit besseren Vinyl-Pressungen für das eigene Heim (anderes Thema!).

 

(a.j.)

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