Regy Clasen

Baderanstalt (Hamburg, 25.02.2004)


Erfüllte Wünsche und diverse Premieren

 

Fans mögen es, wenn Künstler ihre Wünsche erfüllen – und dann auch noch möglichst umgehend. Und Fans mögen es auch, wenn sie die ersten und einzigen sind, die etwas bekommen - beispielsweise etwas hören dürfen. So hat Carlos Santana etwa auf seiner Shaman-Tour in 2003 darauf geachtet, fast bei jedem Konzert ein neues Lied in die Setlist aufzunehmen, so dass er in jeder Stadt sagen konnte „das ist das erste Mal, dass wir dieses Lied auf dieser Tour spielen“.

 

Regy Clasen, die Hamburger „Text-, Stimm und Gefühlsakrobatin“ (Zitat von Kristian Bader), ist schon seit einiger Zeit eine Meisterin im Erfüllen von Fanwünschen. Da fragt jemand nach, wo denn sein Päckchen bleibt, das er gerade auf der Website der Künstlerin bestellt hat. Einige Stunden später hat er die Antwort persönlich von Regy, dass sie das Päckchen eigenhändig gepackt und bereits verschickt hat.

 

Manchmal ist Regy sogar so turboschnell, dass sie Wünsche über einen Monat VOR dem Zeitpunkt erfüllt, zu dem dieser Wunsch bei den Fans auftreten wird. So geschehen Ende Februar 2004. Um den Wunsch der Fans zu verstehen, müssen wir uns nun kurzfristig einmal in die erste Aprilwoche 2004 beamen (wir haben heute den 29.2.). Unsere bereits in Fankreisen der irischen Gruppe „The Corrs“ bekannte „Internet-Suchmaschine für die Zukunft“  (ein Patent der Uni Rostock ) hat bereits heute eine CD-Kritik auf lonereviewer.de gefunden, die am 8.4.2004 ins Web gestellt wurde ...

 

Da heißt es dann am 8.4. in der Rezension der CD „Wie tief ist das Wasser“ von Regy Clasen zunächst, wie gut denn diese CD wieder gelungen ist, mit 14 tollen Titeln, von Balladen („So gerne“, „Die Stadt gehört Dir“) bis hin zu extrem schwungvollen, mitreißenden Songs wie „Endlich“ und „Da werd ich sein“ ... Und nach sehr viel Lob über eine abwechslungsreiche und doch qualitativ gleichmäßig gute CD findet der Rezensent (der ja auch was kritisches sagen muss) endlich das Haar in der Suppe ... und diese Zeilen kann er aus den meisten CD-Kritiken einfach abschreiben. „Die Produktion ist etwas glatt und gelackt, da hat man im Studio etwas viel getan. Man wünscht sich mehr Ecken und Kanten. Diese Songs möchte man am liebsten LIVE hören, ohne zu viele Produktionseffekte, einfach mit Regy und einer Band auf der Bühne.“ ....

 

Und Regy wird dann am 8.4. sagen „Ätsch, alles schon passiert.“. Das von uns besuchte Konzert am 25.2. in der Baderanstalt wurde aufgezeichnet. Und auf dem Konzert wurde das neue Album „Wie tief ist das Wasser“ mit allen 14 Songs vorgestellt. Dieser Live-Mitschnitt soll auf einer Live-CD veröffentlicht werden, die gleichzeitig mit dem Studio-Album erscheinen wird – falls die Fans auch selbst etwas mithelfen, indem sie einen mitgelieferten Rohling dann selbst mit den bereitgestellten Live-Tracks brennen.

 

Diese Idee ist eines der interessantesten „Koppelgeschäfte“, das ich aus der Musikindustrie kenne. Für insgesamt 40 Euro bekommt ein Fan bei Regy Clasen alles, was er braucht: Ein Fan-T-Shirt, eine persönlich unterschriebene Urkunde vorab, zwei CDs (eine Studio-CD, eine Live-CD) dann im April, und in den 40 Euro war dann selbst das Live-Konzert in der Baderanstalt schon mit eingerechnet. Bei anderen Künstlern hätte man für 40 Euro noch nicht einmal für die Abstellkammer einer Konzertarena eine Eintrittskarte bekommen ..

 

Unter etwas chaotischen Umständen waren wir nun in der Baderanstalt dabei. Völlig unvorbereitet, da wir vorher die Setlist noch nicht kennen konnten (beim 17. Konzert einer Tour ist es leicht, vom 14. Konzert vorher die Setlist zu bekommen und mit dieser bestückt dann zum Gig zu fahren), und selbst eine Setlist hätte nichts genützt, da wir ja die meisten Songs auch noch nicht kannten. Die Anfahrt bei Schneegestöber und glatten Autobahnen war auch „interessant“, trotzdem standen wir bereits 18:45 Uhr vor der Baderanstalt in einem Hamburger Hinterhof. Die Eingangstür zum Treppenhaus war aber verschlossen. Um 19:15 Uhr waren wir erfolgreicher, selbst der Fahrstuhl hielt bis zum 5. Stock durch, aber Hasko Witte (Regy’s Manager) meinte, noch sei kein Eintritt, da die Kasse noch nicht aufgebaut sei. Bis 19:45 Uhr hatten wir dann auch die nächsten Viertel Hamburgs erwandert und kamen dann schließlich hinein – wie weitere 170 bis 180 namentlich vorangemeldete Gäste auch.

 

Der Veranstaltungsraum schließlich war ein etwas größeres Wohnzimmer – wie der Gastgeber in der Baderanstalt, Kristian Bader, nachher auch erwähnte: „Willkommen in meinem Wohnzimmer“ – ausgestattet mit einigen Bücherregalen und einer netten, improvisierten „Bar“ an einer Tür zur  Küche. Die Bühne war klein, aber mit viel Equipment bestückt. Flügel und weitere Tasteninstrumente standen vor der Bühne, fast zwischen den Zuschauern. Und wo sonst sattelschlepperweise Bühnendekoration herangeschafft wird – auf dieser engen Bühne herrschte reine Funktionalität.

 

In den folgenden 75 Minuten füllte sich dieses Wohnzimmer langsam, mehr und mehr. Wir diskutierten über weitere Wünsche an das Konzert mit den extrem vielen Unbekannten. „Ich hoffe, Mathias Clasen spielt mit.“ Regy’s Bruder, der uns schon von Stefan Gwildis bekannt war, hatte jedenfalls auf der Website seiner Bläsertruppe boxhorns.de bekanntgegeben, dass die Boxhorns zwei Titel der neuen Regy-CD mit eingespielt hätten. Und während die Bühne zwar viel zu eng war, um ein ausladendes Posaunenspiel zuzulassen, standen aber Saxophone und Flöten bereit. „Es wäre schön, wenn sie ein paar Mal ansetzen müssen beziehungsweise Titel doppelt spielen müssen.“ Vor Jahren waren wir mal eifersüchtig auf die Fans der Gruppe „The Corrs“, die bei Aufnahmen zu einem Unplugged-Album dabei sein konnten – und sowohl einige mehrfach abgebrochene Titel hören konnten als auch einige, die wegen Fehlern am Ende des Sets noch einmal wiederholt wurden – die doppelte Menge Musik für das gleiche Geld und außerdem der Beweis, dass da ganz normale Menschen auf der Bühne stehen und keine computergesteuerten Clones. „Hauptsache, sie bekommen das in diesem kleinen und niedrigen Raum mit der Akustik hin.“ Das Soundboard war zwar bereits ab 19:45 Uhr mit vielen, geduldig wartenden, auffallend jungen Leuten besetzt, aber der Raum schien denkbar ungeeignet bei lauten Bass- und Schlagzeug-Passagen.

 

Um es vorwegzunehmen: Natürlich wurden alle unsere Wünsche erfüllt. Mathias Clasen war an Saxophon und Querflöte fast im Dauereinsatz, in den restlichen Liedern spielte er Percussion. Viele Lieder wurden mehrfach angesetzt, gerade Regy vergaß immer, vor dem Gang zum Klavier ihren Ring abzunehmen. Und ein Lied vom Anfang des Sets wurde tatsächlich am Ende noch einmal wiederholt. Und die Akustik: Ich habe bisher nur ein weiteres Pop-Rock-Konzert besucht, bei dem die Akustik vergleichbar gut war – ein dickes Lob an die Leute am Soundboard und insbesondere den „Klangmeister“. Und eine gute Akustik war extrem wichtig für den „Erfolg“ des Konzerts. Bei so vielen neuen Liedern, von denen man die Texte nicht kennt, musste man eben jede Silbe von Regy’s Gesang verstehen können .. und man konnte tatsächlich jede Silbe verstehen. Dabei stand ich in der zweiten Hälfte des Konzerts zwar für meine Augen optimal (AUF einem Stuhl direkt vor der Wand), für meine Ohren aber in gefährlicher Nähe zu Wand und Decke (und dort ist die Akustik normalerweise grausig – nicht so bei Regy).

 

Und ein Wunsch – der entstand, als wir erfolglos versuchten, die Menschenmenge anzahlmäßig abzuschätzen - wurde innerhalb von genau einer Sekunde erfüllt: „Wenn Hasko Witte vorbeikommt, frage ich ihn, wie viele Leute hier sind“. Auf Kommando kam in der gleichen Sekunde Hasko Witte an uns vorbei: Unsere Frage wurde mit „170 bis 180“ beantwortet.

 

Nun zum Konzert: Kristian Bader leitete als Gastgeber den Abend ein, erläuterte auch die Rolle eines alten Ledersessels direkt vor der Bühne: Hier würde Regy’s Mutter Platz nehmen. Kristian Bader erzählte, dass er vor einigen Jahren abends nach einem Auftritt staunend vor dem Fernseher im Wohnzimmer stand, als auf VH-1 gerade ein Musikvideo mit Regy Clasen lief. Später traf er Regy dann persönlich und versuchte sie danach zu Live-Auftritten und einer Tour zu überreden. Damals war ihre Welt aber eher die von Studioproduktionen und Musik-Videos. „Ein Glück, dass sie ihre Meinung nun geändert hat.“

 

Dann betrat Regy Clasen und ihre zunächst fünfköpfige Band die Bühne (zwei Backgroundsängerinnen kamen im zweiten Lied dazu). Das Konzert startete mit „Immer noch“ und damit einem Titel von Regy’s Debut-CD „So Nah“. Dass wir hier auch gleich mit der kompletten Setlist dienen können und auch das Line-Up der Band fehlerfrei wiedergeben können, ist wieder einer unserer Wünsche gewesen, den Regy persönlich nach dem Konzert per E-Mail erfüllt hatte:

 

Setlist des Konzertes

 

 Immer noch (von „So Nah“)

 Ich fahr zu Dir

 Endlich 

 Fischer, Fischer

 Schwindelig

 Die Stadt gehört Dir            

 Mach mir auf

 Keine Liebe mehr

 Lass es so sein

 So gerne

 Blind (von „So Nah“)

 Wenn ich von ihm träum

 Kann ich bleiben (heute nacht)

 Hast du gewusst

 Da werd ich sein  

 

 Zugaben

 

 Träumst Du nicht

 Ich seh Dich (von „So Nah“)

 Wiederholung: Ich fahr zu Dir

 

Es sangen und spielten

 

Regy Clasen – Lead-Gesang, Flügel

Emre Akca – Schlagzeug, Cajon

Ralli D. - Bassgitarre

Martin Meyer  - Flügel, Rhodes, Keyboards

Jürgen Scholz - Gitarre

Matthias Clasen - Saxophone, Querflöte, Percussion

Miriam Schell und Stephanie Hundertmark – Background-Gesang

 

 

Schon der Auftakt „Immer noch“ bewies, dass Musikvideos eigentlich nicht die Welt von Regy Clasen sein sollten. Der Song klang besser, druckvoller als in der Studio-Version. Kleinere Fehler (die Gitarre kam zunächst im Solo-Teil nicht ganz durch) unterstrichen eher den Live-Effekt. Erstaunlich Regy’s Stimme: Auch dank der guten Akustik klang sie noch kraftvoller als im Studio – im Vergleich drängte sich die „angezogene Handbremse“ auf, die auf der Bühne dann gelöst wurde.

 

Mit dem zweiten Titel kamen nicht nur die Background-Sängerinnen dazu, sondern hier begann nun auch die spannende Phase. Die nächsten neun Titel waren ausnahmslos Lieder des neuen Albums. Einige wenige waren den engen Regy-Fans schon bekannt, etwa von Live-Konzerten (mit Michy Reincke zusammen, der auch im Publikum war) oder als Hörprobe auf Regy’s Website. Die meisten hörten die 180 Leute dann aber zum ersten Mal. Trotz dieses „Risikos“, an dem schon große Bands gescheitert sind, blieb die Stimmung hoch, das Publikum nahm die neuen Songs begeistert an.

 

Immer in Erinnerung wird mir „Endlich“ bleiben. Regy erwähnte in ihrer Ansage, dass die Produktion der neuen CD nun endlich abgeschlossen ist. „Endlich“, das letzte Wort ihrer Ansage, war dann gleich der Titel des folgenden Liedes. Ich erinnere mich noch daran, dass nach einem schönen, etwas langsameren Beginn plötzlich ein „Durchstarten“ zu einem der mitreißendsten Songs des Abends kam. Die drei Sekunden dieses Tempowechsels laufen bei mir immer noch in Zeitlupe ab, ich war so begeistert, dass ich prompt vergaß, mir noch irgendetwas über Melodie oder Text zu merken. Pech. Nun sitze ich da und weiß nur, das war irgendwie ganz große Klasse. Anfang April werde ich wieder wissen, warum. (Zu diesem Song wird in der Rubrik „All Time Favorites: Songs“ noch ein Text folgen).

 

Aus dem Lied „Fischer, Fischer“ stammt mit der Textzeile „Wie tief ist das Wasser“ auch der Titel des Albums. Auffällig war hier die Komplexität des Liedes, insbesondere des Gesangs im Wechsel zwischen Regy und Background-Sängerinnen.

 

Kurz danach dann wechselte Regy zum Klavier (vergaß zunächst, den Ring abzunehmen, wie schon erwähnt) und erläuterte, dass der folgende Titel „Die Stadt gehört Dir“ eigentlich nicht auf der neuen CD wäre – wäre es nur nach ihr gegangen. Unter anderen war es wohl Keyboarder und Produzent Martin Meyer, der sich dann durchsetzte und den Track mit auf das Album nahm. Zum Glück: Es war eine tolle Ballade. A pro pos Balladen: Wer die Zwangs-Balladen großer Rockgruppen kennt, die aufgrund der Radiokompatibilität sein müssen, und wer von diesen eher gelangweilt ist, sollte sich einmal die extrem sparsam arrangierten Balladen von Regy Clasen anhören. In den wenigen Tönen vom Klavier stecken interessantere musikalische Windungen als in den mit Streichersoßen glattpolierten Bombastballaden (die sowieso alle gleich klingen). Und hier merkt man auch die von Kristian Bader angesprochene „Text- und Vokalakrobatin“: Jedes Wort im Text ist sorgfältig gewählt, jeder Ton stimmt.

 

Vor „Mach mir auf“ hätte es fast einen „Kater-Wettbewerb“ gegeben. Regy erwähnte, dass in der Studioversion dieses Titels das Schnurren eines Katers zu hören sei. „Der Kater fehlt mir hier auf der Bühne.“ Plötzlich Unruhe unter den männlichen Zuschauern: „Nimm mich.“  Regy konterte „Wir können ja einen Kater-Wettbewerb machen.“ Und dann etwas zerknirscht wirkend „Na, das würde wohl doch den Rahmen sprengen.“ Ohne Kater warb der Titel dann dafür, sich neuen Dingen zu öffnen („Mach mir auf. Trau Dich, trau Dich“), weil man hinterher merkt, wie gut einem das tut.

 

Vor „So gerne“, einer weiteren Ballade mit Regy am Klavier, dachte ich „so gerne möchte ich Regy auch mal am Klavier sitzen sehen“. Der Blick war durch viele Leute und die aufgebaute Fernsehkamera versperrt. In dem Moment wurde aber mein nicht geäußerter Wunsch erhört und die sitzenden Dauerquatscher hinter uns verließen ihre Stühle. Einige echte Regy-Fans zeigten nun, wozu diese Stühle gedacht waren: Man konnte auf ihnen STEHEN und damit die komplette Bühne und auch die Tasteninstrumente einsehen.

 

Der folgende Titel „Blind“ (vom Debutalbum „So nah“) war schon auf der Studio-CD einer meiner Lieblingstitel. Nach Regy ist das einer der Titel, der nicht in einer traurigen, sondern einer ärgerlichen Stimmung geschrieben wurde. Und live macht sie ihrem Ärger noch weitaus mehr Luft als im Studio, der Titel klingt dynamisch und kraftvoll. In „Blind“ wurde die schöne, teilweise improvisiert gesungene Vorstellung der Band durch Regy eingebaut. Eine Parallele zu Stefan-Gwildis-Konzerten: Auch Regy stellt ihre Musiker mehrfach während des Konzertes vor, etwa nach besonderen Soli. Die Band ist ihr eben auch wichtig. Eine Bemerkung an Stefan Gwildis: Regy ist noch jünger als Du, hat ein besseres Gedächtnis und hat während der Bandvorstellung keinen Musiker vergessen

 

Nach dem Titel „Blind“ kam ein tosender Applaus vom Publikum. Das wurde Regy nun fast zuviel, in dem sie sagte: „Wir sind noch nicht am Ende vom Set, nur weil ich die Band schon vorgestellt habe“. Es folgten noch weitere Titel der neuen CD, als Krönung der letzte Titel des regulären Set, „Da werd ich sein“.

 

Sie widmete dieses Lied den vielen Helfern und den Musikern, die für dieses Album unentgeltlich gearbeitet haben. Wer näheres zu diesem „Naturalientausch“ nachlesen möchte („Ich singe bei Dir Background, wenn ich das Studio zwei Tage nutzen kann“) , kann auf musikreportage.de dazu einen tollen Artikel finden – und sich gleichzeitig etwas ärgern, dass wirklich talentierte Künstler sich ohne Unterstützung der ach so großen Medienkonzerne durchschlagen müssen. „Da werd ich sein“ handelt auch im Text davon, „füreinander da zu sein“ – und das Publikum sang im Wechsel mit Regy auch den Refrain mit – was selbst noch gut klappte, als der Titel instrumental „auslief“, Teile im Publikum aber im passenden Takt den Refrain weiterhin mitsangen. Tja, so kann ein 180-köpfiger Background-Chor von Regy auch „ad-hoc“ angelernt werden .. An anderer Stelle schnippste das Publikum auch laut mit und unterstützte so die Percussion-Abteilung der Band.

 

Zu weiteren witzigen Vorkommnissen und zum Thema Background-Chor: Die beiden Sängerinnen standen auf ihrem schmalen Podest zwischen Mikrofon und Wand ziemlich eingequetscht. Bei den ruhigen Balladen setzten sie sich mit dem Bassisten Ralli und dem Drummer Emre auf das Podest – und gingen bei jedem Lied mit dem Takt der Musik mit. Insbesondere Ralli und Emre grinsten dabei und hatten viel Spaß an der Musik .. einmal grinsten sie auffällig breit – und sprangen dann hinten auf der Bühne sitzend plötzlich auf und griffen als „Backstage Boys“ in den Backgroundgesang ein: Regy hatte plötzlich zwei männliche Backgroundsänger. Für das Publikum war es zum Schreien, insbesondere weil Emre auch während der Performance noch mit dem Publikum „spielte“. Mal sehen, ob bei diesem etwas ruhigeren Titel auf der Live-CD später ersichtlich wird, warum das Publikum so erheitert ist – und sich während des ganzen Songs auch nicht mehr beruhigt.

 

Vor den Zugaben kam die Band gar nicht dazu, den Raum zu verlassen. Der Eingangsbereich war so mit Menschen verstellt, dass die Musiker den anhaltenden Beifall auf oder vor der Bühne abwarteten. Während der Zugaben rief eine Zuschauerin „Ich seh Dich“ und wollte diesen Titel des ersten Albums hören. „Wer hat die Setlist kopiert und verteilt?“ scherzte Regy – tatsächlich folgte „Ich seh Dich“ als vorletzte Zugabe. „Wir sind spontan und spielen jetzt ganz spontan Ich seh Dich, könnt ihr den noch?“ griff Regy den Zuschauer-Ball wieder auf.

 

Und ganz am Schluss kam dann noch das, was WIR hofften: Es ging noch einmal von vorn los, als der erste neue Titel des Abends, „Ich fahr zu Dir“ noch einmal wiederholt wurde. Nach kurzer Beratung meinte Regy, „den können wir noch besser als vorhin“. Der Gitarrist bemerkte: „Das sagst Du“.

 

Am Ende drängelte sich die Band durch die Zuschauermenge nach draußen. Schade, es hätte mit „Ergib Dich“ und „Liebesnacht“ vielleicht noch ein paar Songs von „So Nah“ geben können. Und „Endlich“ hätte auch ruhig wiederholt werden können, dann wüsste ich jetzt vielleicht wieder, warum dieser Song für mich der Höhepunkt des Abends war.

 

Regy Clasen erwies sich nicht nur als hervorragende Live-Sängerin, sondern mit ihren Überleitungen und Geschichten auch als gute und sichere Live-Performerin. Ihre Band ist sehr gut besetzt, von Ihrem Bruder bis zu dem Drummer, der auch zwei Stücke auf dem Karton sitzend gespielt hat (der Karton war natürlich ein Cajon, eine südamerikanische Handtrommel, auf der man sitzen kann). Der Musikstil bewegt sich zwischen Liedermacherin, Rhythm & Blues und Soul. Wobei R&B hier im besten Sinne gemeint ist, im Gegensatz zu vielen Beispielen auch aus den USA, wo ein Klang- und Percussion-Brei sowie Tanzeinlagen zwar viel „R“, aber wenig „B“ und noch weniger „Seele“ vermittelt.

 

Nur ein einziges Mal verlor Regy den Faden: als sie sich selbst „vermarkten“ wollte und auf die Aktion mit der neuen CD und den T-Shirts hinwies. Ein Zwischenruf „gibt’s da auch Heizdecken dazu?“ wegen des noch kalten Winterwetters und das folgende Gelächter brachte Regy aus dem Konzept: „Was wollte ich noch sagen?“.

 

Erste Gratulantin war nach dem Konzert Regy’s Schwester (die im ARTE-Film von Regy’s anderer Schwester auch auf dem „Bahnsteig“ mitspielt – dies als Bemerkung für Insider ).

Schön auch, dass Regy – nach dem Konzert im zugigen Treppenhaus stehend – noch mit einigen vorbeilaufenden Konzertbesuchern etwas „plauschte“. 

 

Kleinere Problemchen ließen einen merken, dass alles live war. Einmal sangen die Background-Sängerinnen eine Strophe, die Mikrofone waren aber wohl nicht aufgedreht. Wenige Sekunden lang fing mal der Bass an zu dröhnen, und die Gitarre kam einmal nicht durch bei einem Solo. Ansonsten kann man sagen: Wenn die Live-Aufnahme so gut klingt wie das, was wir Live gehört haben, wird das eine großartige Live-CD. Normalerweise ist es anders: Der vermatschte Sound im Konzertsaale muss durch die Tontechniker für die Live-CD noch geradegerückt werden, daher sind Live-CDs oft im Sound besser als das Live-Erlebnis vor Ort.

 

Und damit schließt sich der Kreis und wir sind beim Ausgangspunkt der Konzertkritik. Zunächst einmal mögen es Fans, wenn sie Dinge als erstes hören. Und wir hörten an diesem Abend 14 Premieren – neben drei älteren Liedern. Außerdem: nach diesem Konzert dürfte klar sein, warum sich Fans Live-Versionen von Regy’s Liedern wünschen. Live ist es die richtige Regy, unverfälscht durch eventuelle Tricks im Studio, eben das „Original“. Dazu passt auch eine Bemerkung von Regy selbst: Sie erwähnte ein Lied, zu dem ihr Martin Meyer den Basis-Track mitbrachte „Vielleicht kannst du ja was draus machen“.  Zwei Stunden später war das Lied fertig, sie hatte es mit ihrem leiernden 8-Spur-Rekorder und schlechtem Mikro zu Hause aufgenommen. Im Studio versuchten sie dann, diese Rohfassung richtig umzusetzen. Aber es klang nie so wie auf dem Demo-Tape. Regy versuchte sich sogar noch richtig „reinzuhören“ („was habe ich damals denn wie gesungen?“), bekam es aber nicht wieder hin. Auf der CD wird jetzt das Demo-Tape zu hören sein, das ein Klangmeister entsprechend bearbeitet hat. Regy bemerkte im Konzert dazu „Es gibt so bestimmte Momente, die lassen sich nicht wiederholen“. So bestimmte Momente sind zum Beispiel Live-Konzerte wie dieses an diesem Abend – aber dieser Moment lässt sich wiederholen, er wurde zum Glück auf CD festgehalten.

 

Die Lone Reviewers haben den „Tick“, alle besuchten Konzerte in eine Rangfolge zu bringen, um sie in die Top-Listen (siehe Konzertberichte / Konzerte Top-5) einordnen zu können. Kann man ein Regy-Clasen-Konzert vor 180 Leuten mit einem Fleetwood-Mac-Konzert in der Kieler Ostseehalle oder mit einem Paul-Mc-Cartney-Konzert in der Hamburger AOL-Arena vergleichen? Mit einem Konzert der legendären FM-Besetzung mit Mick Fleetwood, Stevie Nicks als Sängerin, Lindsey Buckingham mit seinen ausufernden Gitarrensoli? Oder mit einem Konzert von Sir Paul mit seinen zig Hits aus Beatles- und Wings-Zeiten, fast jeder zum Mitsingen und Mitswingen?

 

Nach Abwägen aller Faktoren, wie Akustik, persönliches Erleben, Nähe zur Bühne, Ehrlichkeit der Musik und Personen auf der Bühne, Spaßfaktor etc.: Man kann.

 

Sorry, Sir Paul, sorry, Stevie. Aber es ist keine Schande, sondern eher eine Ehre, direkt HINTER einem Regy-Clasen-Konzert eingeordnet zu werden …

 

a.h. (andreas@lonereviewer.de)


Fotos mit freundlicher Genehmigung durch Hasko Witte (www.bkw-net.de)

Foto-Credits: Rainer Drechsler

 

Kommentare

Es sind noch keine Einträge vorhanden.
Bitte geben Sie den Code ein
* Pflichtfelder