San Glaser

Hörsaal (Hamburg, 15.02.2006)

 

 

Wenn selbst Pop-Jazz-Balladen vom Hocker reißen

 

Sandra Glaser hatte sich zur ersten Ansage nach dem ersten Titel des Never-in-Vain-Showcase in Hamburg am Spielbudenplatz sicher viel vorgenommen. Im Publikum viele Freunde, Bekannte, aber auch viele Leute von Plattenfirmen und Konzertagenturen, dazu einige Leute von der Presse und vom Fernsehen (SAT1), da musste die erste Ansage etwas Besonderes sein. Sie wurde auch etwas Besonderes, aber sicher nicht so, wie Sandra es geplant hatte. Während des Auftakttitels war ihr Keyboarder Tobias Neumann, sicher nach Sandra die Hauptperson an diesem Abend, fast vom Hocker gekippt. Selbst bei Keyboard-Hockern kann es unlösbare technische Probleme geben, insbesondere, wenn diese völlig aus dem Leim gehen. Und so entsorgte Tobias den Hocker des Hörsaals und improvisierte .. und baute einen neuen Hocker bestehend aus leeren Bierkisten mit einer abschließenden Decke.

 

 

Die erste Ansage von Sandra Glaser handelte dann folgerichtig von defekten Hockern und Improvisationstalenten der Musiker („wir sind in einem Jazzkonzert, da muss improvisiert werden“). Nach nur gut einer Minute war Tobias Neumann dann auf Bierkisten spielbereit. Und das Publikum war begeistert. Eine eventuell zu befürchtende steife Atmosphäre aufgrund der Fernsehkameras und der vielen „offiziellen“ Gäste mit Wichtigkeitsstatus war wie weggewischt. Und Tobias Neumann war der Beweis dafür, dass in der Folgezeit selbst das Genre Pop-Jazz mit vielen Balladen doch vom Hocker reißen konnte .. und nicht nur den Keyboarder.

 

Fangen wir aber am Anfang an: Vom Lone Reviewer waren wir an diesem Abend zu zweit auf der Gästeliste, Andre und ich trafen uns fünf Minuten vor dem Einlass am Spielbudenplatz in Hamburg. Kurz nach 20 Uhr entsorgten wir dann im neuen Musikclub des Schmidt’s-Besitzers und St.-Pauli-Präsidenten Corny Littmann, dem „Hörsaal“, die dicken Winterjacken an der Garderobe. Andre zweifelte zunächst, ob das nötig sei. Wie wir später merken sollten, war es extrem nötig (und tropentaugliche Kleidung wäre eher angesagt gewesen).

 

Wir nahmen dann relativ früh unseren Platz direkt am Tresen ein, hier konnte man sich auch mal rückenschonend anlehnen und unproblematisch seine Getränke nachbestellen. Irgendwann tauchte Hasko Witte auf, der Manager von Regy Clasen, der auch für Sandra Glaser die ganze Pressearbeit macht. Noch war es im Hörsaal recht leer, und Hasko fürchtete schon, dass sich viele Hamburger in die diversen Konkurrenzveranstaltungen aufmachten, die ausgerechnet an diesem Abend in anderen Hamburger Clubs stattfanden. Immerhin freute er sich über das SAT1-Fernsehteam und diverse Journalisten, die scheinbar auch schon vor dem Konzert nach Sandra fahndeten. Letztere hatte sich mit der Band aber irgendwo in der Nähe in ein Restaurant zurückgezogen. (SAT1: "Lasst uns die Band doch mal eben schnell suchen, es wäre doch lustig diese beim Schlendern über den Kiez zu filmen!")

 

 

Als der Konzertbeginn näherrückte, tauchten auch Martin Langer und Hagen Kuhr aus der Stefan-Gwildis-Band im Publikum auf. Martin Langer, nicht nur Schlagzeuger, sondern auch Produzent von San Glaser, hatten wir eigentlich auf der Bühne erwartet. Aber da kam es anders, die Setlist verlangte an diesem Abend neben einem Schlagzeuger auch eine zweite Stimme, und da war Robbie Smith die geeignete Besetzung für diese Position.

 

Um 21 Uhr war der Hörsaal schließlich brechend voll, und nun wurde es auch heiß. Das Publikum hielt sich größtenteils an irgendwelchen Getränkebechern und –flaschen fest, was leider während des Konzerts die Performance des Publikums deutlich schmälerte. Ein kleiner Nachteil an diesem Abend, der ansonsten musikalisch perfekt ablief.

 

Da ein Showcase angekündigt war, spielte San Glaser mit ihrer Band an diesem Abend konsequenterweise ihr Debutalbum komplett.

 

Die Setlist

1. Comin' home

2. Never in Vain

3. Let there be you

4. Consequences

5. Theme from 'Mahogany'

6. In my dreams

7. This thing called love

8. Don't hold back

9. Talk to me

10. We all love the same

 

Zugaben

11. Miracles

12. All of my life

 

Besetzung

Sandra Glaser: Gesang

Tobias Neumann: Keyboards

David Neumann: Gitarre

Achim Rafain: Bassgitarre

Robbie Smith: Schlagzeug, Percussion, Gesang

 

 

Im Gegensatz zu San Glasers letztem Konzert im Frühsommer 2005 in Harburg waren also Jens Wrede am Bass und Mirko Michalzik an der Gitarre ersetzt worden. Und während die Stefan-Gwildis-Fans im Publikum zunächst der Traumbesetzung Michalzik/Rafain verstärkt um einen Schlagzeuger Martin Langer hinterhertrauerten, wurde im Laufe des Konzertes klar, dass Robbie Smith mit seiner Stimme einen Hauptanteil am gelungenen Konzert beitragen würde.

 

Im Vergleich zum Auftritt in einer Harburger Kirche 8 Monate zuvor war interessant, dass die Höhepunkte des Abends anders verteilt waren, und das nicht nur in der Reihenfolge der Setlist.

 

Consequences im ersten Drittel des Sets klang in dieser Besetzung, mit diesem Arrangement und in diesem relativ kleinen Club dramatisch gut. Etwas jazzig, aber extrem treibend ließ dieser Titel das Publikum richtig mitgehen, hätten die Getränke in den Händen nicht das Mitklatschen kräftig erschwert. Dieser Titel passte zu einer solchen Atmosphäre besser als in eine kahle Kirche.

 

San Glaser lässt sich nun aber in keine Schublade stecken, so wie andere Bands nur im Stadion gut klingen und nicht in einer Bar, andere passend für einen kleinen Club sind, aber Open-Air auf einer großen Bühne leer klingen. Einige der Balladen, insbesondere All of my life, sollte man zur Abwechslung mal live in einem großen Saal, etwa einer Kirche gehört haben. Im Hörsaal, einem Club mit niedriger Decke, klang San Glasers Stimme hier eher gedeckelt, der Raum war binnen Millisekunden klanglich überfüllt, während das Stimmvolumen sich in einer Kirche erst richtig ausbreiten konnte.

 

Trotz der klanglichen Enge: Peter Spiecker am Ton, sonst auch für Stefan Gwildis aktiv, hatte ganze Arbeit geleistet und jedes Instrument war in der richtigen Lautstärke zu hören. Bei den treibenderen Titeln musste Robbie Smith zwar am Schlagzeug aufpassen, etwas das Gas wegzunehmen, da den vielen Zuhörern sonst akustische Maschinengewehrsalven um die Ohren flatterten, aber insgesamt war der Sound in diesem Club weitaus besser, als man das bei sonstigen Club-Konzerten gewohnt ist. (Ein Negativbeispiel kann man im Konzertbericht des sonst genialen Sophie-Zelmani-Konzerts wenige Tage später in der Berliner Kalkscheune nachlesen.)

 

Zurück zu den Höhepunkten der Setlist: Am Ende des regulären Sets konnte sich Robbie Smith nicht nur durch seine Fähigkeiten an Schlagzeug und Percussion auszeichnen, sondern auch als Duettpartner von Sandra in mehreren Titeln, besonders eindrucksvoll bei This thing called love. Und da hatten wir uns vor dem Konzert wohl noch Sorgen gemacht, wie man die komplizierten kanonartigen Gesangsteile dieses Titels live auf die Bühne bringt. Im Gegenteil: Live mit Robbie Smith klang das Ganze noch ein bisschen befreiter und lockerer als im Studio, Stilistik und Klangfarbe des Refrains wurden noch mehrfach (improvisiert) gewechselt.

 

 

Am Ende des regulären Sets wurde dann mit Talk to me und We all love the same das Tempo noch einmal kräftig angehoben, auch hier von der Stimmung her wunderbar in diesen Club passend. Irgendetwas passierte dann auch bei Talk to me, geplant war vor dem letzten Drittel ein kurzes Aussetzen der Musik, was dann wohl nicht ganz so eintrat wie von der Regie (Sandras ausgestreckter Arm) beabsichtigt, die Stimmung im Publikum und auf der Bühne aber eher noch förderte.

 

Zur Stimmung auf der Bühne: Die war ausgesprochen gut. Lag es nur an den Bierkisten als Ersatzhocker? Nein, die Band wurde auch noch ganz schön übermütig, als sie als „running gag“ die Ansagen von Sandra „nun kommt eine meiner ersten Kompositionen“ mit dem Spruch „das merkt man“ begleiteten.

 

Dass Miracles eine der ersten Kompositionen von San Glaser war, merkte man eher positiv daran, dass sowohl musikalisches Thema als auch die ersten gesungenen Zeilen eine extreme Gänsehaut verursachten – und wer diese nach „if you might remember“ und „colours of September“ noch nicht bekommen hatte, kann sich als völlig abgebrüht und emotionsfrei durchs Leben gehend betrachten.

 

Miracles war dieses Mal als erste Zugabe im Set enthalten. Das als extrem bissiger Ohrwurm sich festfressende musikalische Thema walzte die Band an diesem Abend auch gleich lang aus, weil Sandra die Band zu Beginn dieses Songs ausführlich vorstellte. Hatten wir es uns doch gedacht, dass die Gesichtszüge bei Tobias und David Neumann nicht nur zufällig ähnlich aussahen.


Die zweite Zugabe All of my life glänzte schließlich mit langen Improvisationen, insbesondere durch Tobias Neumann an den Keyboards. Zwar schien dem Wurlitzer zwischendurch einige Sekunden immer die Luft auszugehen, insgesamt aber steigerte sich die sonst so tragende Ballade plötzlich in einen lateinamerikanischen Schlussteil hinein, zu dem zumindest die nicht mit Bierflaschen oder Getränkebechern behinderten Zuhörer glänzend tanzen konnten.

 

Dieses ausgewalzte Schlusslied erinnerte uns aber auch daran, was in dem gut einstündigen Konzert noch fehlte: So war die Länge des Albums zwar bereits um über 15 Minuten überschritten worden, aber live wäre wohl noch so einiges möglich gewesen. Hätte man Achim Rafain doch einfach mal fünf Minuten allein auf der Bühne stehen lassen, er, und nicht nur er, kann ja so etwas gut für sich nutzen. Naja, diese Gedanken mussten wir bei näherer Betrachtung des Hörsaals dann doch gleich ad Acta legen: Wo sollte der Rest der Band schließlich in diesen fünf Minuten hin? Zum Backstage-Bereich musste sich die Band dann auch nach der zweiten Zugabe quer durch das Publikum auf die gegenüberliegende Seite des Hörsaals quälen. Bei etwas großzügigeren Sälen und kürzeren Wegen zum Backstage-Bereich hoffen wir aber in Zukunft dann auf längere solistische Einlagen der Musiker.

 

Direkt nach der letzten Zugabe erwartete uns aus dem Umfeld im Hörsaal plötzlich eine kritische Stimme, die uns kalt erwischte: Sandra Glasers rauchige Stimme bei einigen Titeln würde nicht gefallen, sagte ein netter weiblicher Gwildis-Fan, aber Sandra Glasers klare Stimme sei toll. Hmmm, da waren wir etwas verwundert, hatten wir doch gerade die Stimmvielfalt zwischen rauchigem Sade- oder Norah-Jones-Sound über Diana-Ross-Feeling bis hin zu klarem Katie-Melua-artigen Gesang immer für das Highlight an Sandra Glasers Stimme empfunden. Sollten wir nun unser musikalisches Gehör doch noch komplett umschulen müssen? Nein, nach einem weiteren Cappuccino war diese Kritik als nicht Lone-Reviewer-kompatibel vergessen.

 

Das Einzige, was die Lone Reviewer an diesem Abend so richtig störte, war an ansonsten wunderschönen 60 Minuten die Background-Percussion. Nicht nur die Thekenbesetzung mit ihrem klimperenden Spiel an Flaschen und Gläsern, sondern insbesondere der etwas emotionslose Kassenautomat mit seiner immer unpassenden Rattatatatatatatat-Rhythmik beim Ausspucken eines Kassenzettels störte gerade die ruhigen Lieder sehr.

 

Dabei gab es eine Stelle, an der war es im Hörsaal so mucksmäuschenstill, da hatte es nicht nur Tobias Neumann, sondern auch den Kassenautomaten endlich vom Hocker gerissen, so dass er kein Rattatatat mehr von sich gab. In my dreams leitete Sandra mit den Worten ein, dass sie diesen Titel für eine verstorbene Freundin und ihren verstorbenen Vater geschrieben hatte, beides Personen, die sie jetzt nur noch in ihren Träumen erreichen kann. Danke, Herr Kassenautomat, dass Du danach wenigstens für fünf Minuten Deinen Percussion-Sound eingestellt hattest, während San Glaser nur in Begleitung einer Akustikgitarre sang.

 

Und nun warten wir schon auf das nächste Konzert. Nach hoher und kahler Kirche und engem, verqualmten Club warten wir nun auf die Mischung, ein kuscheliges Theater – ohne Rattatatatat – und mit stabileren Hockern für Keyboarder.

 

 

a.h. (andreas@lonereviewer.de)

 

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Sandra Glaser

Credits: Philip Glaser (www.billirubin.de)

 

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