Paradise Lost (Markthalle, Hamburg - 2026)

Paradise Lost (Markthalle, Hamburg 2026) Paradise Lost (Markthalle, Hamburg 2026)

 

Aging like a fine vine…

 

Ehrlich gesagt haben mich Paradise Lost erst in den letzten 10 Jahren so richtig eingefangen – das Album Medusa (2017) war der leckere Köder an einer sehr langen Angel (17 Alben seit 1990). Davor liefen sie zwar immer mit auf meinem Radar (und in der Metal-Playlist), aber irgendwie immer nur am Rande,- wie so ein kleiner Orb, der zwar wahrgenommen wird aber nicht weiter verfolgt. Mein Metal-/Rock-Geschmack war auch ein anderer damals! Eher gradliniger, griffiger, mainstreamer, weniger spannend und eher gediegen. Die guten, tiefsinnigen oder auch progressiven Zeiten brachen erst später an.

 

So war es leider auch bei den beiden Kultwerken Icon (1993) und Draconian Times (1995), die damals nur aus den Augenwinkeln von mir beäugt wurden, nun aber sogar in Form von Vinyl mein Regal schmücken und beim Lauschen stets meine Gehörgänge sanft durchspülen und veredeln,- wie hochwertige Additive einen Motor.

 

Ausgerechnet in der Corona-Zeit war es mit dem Album Obsidian (2020) und dem später erschienen Live-Album ohne Publikum (At The Mill) dann um mich geschehen; die ersten beiden meisterhaften Tracks Darker Thoughts und Fall From Grace haben mich die verpassten 30 Jahre davor echt missen lassen. Aber hey, das Nachholen von Diskographien ist immer wieder ein Genuss, fast so wie das Bingen kompletter Serien.

Wachstum im Zeitraffer erleben!

 

Dabei fällt beim kontinuierlichen Hören - in geraffter Zeit –natürlich auf, dass die Band, mit den vier Jungs Holmes, Mackintosh, Aedy & Edmondson aus der Urbesetzung plus immer mal wechselndem Drummer (aktuell: Jeff Singer) -  in den Jahren immer reifer klingt.

 

Die frühen Werke waren stilistisch noch sehr inhomogen und suchend (Metallica oder doch eher Depeche Mode & Sisters Of Mercy?). In den letzten Werken scheinen sie sich nun endlich (wieder)gefunden zu haben, wie ausgewachsen und in ihrer Blüte stehend (ich sehe da Parallelen zum Judas Priest-Verlauf). Andere Hörer - insbesondere Fans - beschreiben es auch als ein „Zurück zu den Wurzeln“.

 

Mit Ascension aus dem Jahre 2025 haben sie jedenfalls ein durchgehend stimmiges, spätes Kunstwerk ohne Füllmaterial geschaffen, das bei mir in Dauerrotation geht (gerne bei schwerem Rotwein und diffusem Kerzenschein) - und ähnlichen Kultstatus wie Icon oder Draconian Times erreichen könnte. Die Produktion ist unter vielen anderen Metal-Alben dieser Tage ein Ohrenschmaus - die Stimme von Holmes wirkt gereift wie ein alter Wein, die Band einge-/ und verspielt. Die Songs klingen spannend und dabei frisch – nichts zu merken von Altersmilde; im Gegenteil! Es wirkt wie ein zweiter Frühling; der gereifte alte Wein wird geöffnet, karaffiert und in volumige Gläser ausgeschenkt. Das ist, was zu Hause vor der Anlage geschieht.

 

Saturnus (Markthalle, Hamburg 2026) Saturnus (Markthalle, Hamburg 2026)

 

Nun zum Live-Abend…

 

Die beiden Vorbands Cwfen (nur halb mitbekommen) und Saturnus lieferten gute Einstimm-Arbeit, wenngleich die weibliche Stimme der Erstgenannten schon recht gewöhnungsbedürftig war.

 

Saturnus war da glaube ich schon eher am Geschmack der Paradise Lost-Fans dran; wobei dieser ja nicht unbedingt homogen ist, wenn man die häufigen Stilwechsel betrachtet (s.o.). Saturnus‘ progressiver Stil mit den langen sphärischen Liedern war jedenfalls genau meines. Da muss ich auch einmal näher reinlauschen. Da gibt es auch bereits eine große Diskographie der Dänen.

 

Nach 30 endlos wirkenden "Umbau"-Minuten kam dann Paradise Lost so gegen 21.30 Uhr mit einnehmendem Intro (Serpent On The Cross, 2025) auf die Bühne.

 

Ich wurde im Vorwege in einigen Foren darauf eingestimmt, dass Paradise Lost live nicht so gut klingen würden, wie auf den Alben. Dies hat sich in der Markthalle für mich nicht bestätigt. Der Sound war gut, die Band verstand es, ihr Handwerk live umzusetzen; wobei ausufernde Variationen im Vergleich zu den Studioversionen dann doch ausblieben – was ja aber auch nicht immer schlecht ist, wenn man beim Original bleibt! Zuviel Progressives und Rumgeteste kann auch schon mal nerven -  Wiedererkennungswert ist nicht zu unterschätzen!

 

Die Neunziger Jahre nahmen an diesem Abend mit sechs Songs den größten Raum ein. Dahinter folgen die 2000er (4 Songs), 2020er (4 Songs) und die 2010er (2 Songs). Ausgerechnet meine oben erwähnten beiden neueren Lieblinge („die Köder“) aus den 2020-Jahren ließen sie aus und mich nach etwa knapp 70 Minuten Konzert doch etwas schmachtend (aber nicht völlig unbefriedigt!) zurück.  Das epische Lay A Wreath Upon The World hätte ich live zudem auch sehr spannend gefunden.

 

Gespielt wurde vom neuen Material dafür eben jenes Serpent On The Cross (Ascension, 2025) als grandioses Intro sowie Silence Like The Grave (Ascension, 2025) als echter Rausschmeisser - im wahrsten Sinne des Wortes, denn danach (die Band war noch auf der Bühne) schoss das Licht fast wie ein Jumpscare an und Musik von der Konserve signalisierte uns „keine weitere Zugabe,.. da ist die Tür… nehmt Euch gerne noch etwas Merch mit!“.

Die von der Band komplett unterschriebene, auf 500 Stück limitierte, neu eingefärbte Vinylausgabe von Ascension für 40 Euro hat sicher wieder einige milde gestimmt.

 

Paradise Lost (Markthalle, Hamburg 2026) Paradise Lost (Markthalle, Hamburg 2026)

 

Die Wiedergabe neuer Songs von Ascension (mit Tyrants Serenade war es die dritte neue Nummer aus 2025) machte ja auch irgendwie Sinn; wenn die Tour nach dem aktuellen Album benannt wird.

 

Insgesamt muss man sagen, dass die Songauswahl durchaus gut war und wohl jedem Fan (mit unterschiedlichem Geschmack) was bieten konnte. So wurde u.a. auch das Depeche Mode-ähnliche One Second (1995) gespielt und spürbar gefeiert.

 

An die elektronischen Klänge (Samples) vom Band, zu denen die Musiker dann live einspielen, werde ich mich nie so recht gewöhnen (selbst Dream Theater kommt da nicht ohne aus!).  Diese sind aber wohl dem chronologisch choreographierten Set-Ablauf und vielleicht auch den heutigen Kosten geschuldet. Als Live-Fan geht mir da gefühlstechnisch aber immer etwas flöten – es nagt auch ein wenig an dem Gefühl, nicht mehr überrascht zu werden. Setlists der Tour ähneln sich von Abend zu Abend schon fast zu sehr, wirken zu sehr geplant und daher wie Spoiler.

 

Paradise Lost ist halt keine Party-Band!“ – zitiere ich noch mal fix am Ende einen Metal-Kumpel, mit dem ich übrigens zum Jahresende bei den ebenfalls düsteren ASP war, und den ich zuvor fragte, wie Paradise Lost live so seien und ob er mitkommen möchte. Es blieb bei einem (meinem) Ticket.

 

Es stimmt, die Musik ist nicht die freudigste; will sie aber ja auch gar nicht sein. Absolut mitreißend ist sie aber schon, wenn man eher dunkle Themen liebt und darin versinken mag. Düsternis und Melancholie stehen stets im Vordergrund. Dennoch luden einige Thrash-Nummern auch zum Pogen und Mitgröhlen ein. Es ist eher eine intrinsische Party!

 

Paradise Lost (Markthalle, Hamburg 2026) Paradise Lost (Markthalle, Hamburg 2026)

 

Nicht wenige junge Leute von den knapp 1000 im Publikum der ausverkauften Markthalle stiegen voll mit ein und waren dabei textsicher.

 

Schön, dass eine Metal-Band der goldenen Zeiten des letzten Jahrtausends damals Ungeborene heute noch erreichen kann; und das ganz ohne lange Haare (die laut Sänger Holmes aber jederzeit nachwachsen können, wenn man es wolle). 

 

Das war guter alter Wein für neue Schläuche - oder so.

 

Knapp 50 Euro sind für 70 Minuten Hauptband und zwei Support-Bands in heutigen Zeiten schon ok; für eine Anreise von knapp 4 Stunden aber dann doch zu wenig. Paradise Lost mit ihrem Schaffenswerk von 17 Alben verkaufen sich dadurch unnötig kleiner als sie sind! Das ist wie wenn man nur eine Flasche des guten Weines auf Lager hat (um weiter im Bilde zu bleiben). Ich ging diesmal also nur so halb beseelt heimwärts. Dass ich das unterschriebene Vinyl nicht mitgenommen habe, wurmt mich zudem im Nachhinein. Das lag wohl an dem prompten "Rausschmiss" - das nahm ich zu wörtlich! ;)

 

(a.j.)

 

Die komplette Setlist ohne Gewähr findet Ihr hier:

 

https://www.setlist.fm/setlist/paradise-lost/2026/markthalle-hamburg-germany-6341721b.html 

 

Schickere Bilder - als die meinen (immer noch kaputtes Smartphone) - gibt es hier: https://nordevents.net/live/konzertberichte/paradise-lost-hamburg/ .

 

Bei YouTube (die ich hier nicht verlinke) findet man ganze, privat gefilmte Live-Mitschnitte von Songs.

 

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